Sued Vietnam (15. Januar - 21. Januar)

15./16. Januar: Hue Frueh am Morgen erreichen wir die Kaiserstadt Hue, die im 19. und 20. Jahrhundert Sitz der Nguyen Dynastie war. Wir entsorgen die Reste unseres Abfalls, den wir sorgfaeltig vor der rabiaten Schaffnerin versteckt hatten, in einem Muelleimer und beeilen uns mit der Suche nach einem Hotel. (Eine Anreise ist in asiatischen Hotels stets moeglich. Unser Check-in Rekord steht bei halb neun am Morgen in Bangkok, was dem Empfang noch nicht einmal eine hochgezogene Augenbraue wert war). Wir haben uns viel vorgenommen: Vier Mausoleen und zwei Pagoden am unteren Lauf des Parfuem-Flusses (der leider nur so heisst und nicht so riecht) harren der Entdeckung. Wir chartern ein Boot und machen uns auf den Weg. Das heisst erst einmal sollen wir unser Mittagessen bestellen, bedeutet der Bootsmann. Super, auch noch Mittagessen inklusive. Nun ja, wie immer uebersehen wir das nicht Gedruckte: Es kostet und zwar 100.000 Dong (5 Euro), dafuer kann man in Hanoi schick essen gehen. Gerade als wir mit unserer Touristenfalle hadern, kommt das Essen: Haehnchen in Honigsauce, Krabben suess-sauer und fritiert, Berge von Gemuese und Reis. Kein Wunder, dass die Kueche von Hue im ganzen Land geruehmt wird, denken wir, bevor wir zur ersten Pagode von Bord rollen.

Steinerne Ehrenwachen in Hue

Ganz in der konfuzianischen Tradition liessen sich die Kaiser von Vietnam noch zu Lebzeiten praechtige Mausoleen bauen, die nach ihrem Ableben nicht nur als Grab, sondern auch als Tempel zu ihrer eigenen Anbetung dienten. Der Stil der Mausoleen spiegelt den Geschmack des jeweiligen Herrschers wieder und reicht von englischer Parklandschaft bis zu pompoesem Neo-Barock. Gemein ist ihnen allen der Ehrenhof, in denen steinerne Mandarine, Reiter und Elephanten die Besucher empfangen. Stundenlang wandern wir durch die Tempel, Schreine und Gaerten und kehren erst nach Einbruch der Dunkelheit nach Hue zurueck. Abends unternehmen wir noch einen ersten Ausflug zur Zitadelle und unverhofft wird Florian auf dem Blumenmarkt selbst zur Touristenattraktion und von einer Horde kreischender vietnamesischer Teenies unter einen Apparat zur Laengenmessung gezerrt. Der Apparat versagt prompt (Maximum 2,00 Meter) was einen Menschenauflauf verursacht, dem wir nur noch knapp in ein nahegelegenes Cafe entkommen. Am naechsten Morgen wagen wir uns wieder Richtung Zitadelle und besichtigen noch den alten Kaiserpalast, ehe wir uns in den Bus setzen, der uns ueber halsbrecherische Gebirgspaesse und mit unglaublichen Ueberholmanoevern (10 Meter bis zur Steilkurve, da kommen wir noch leicht vorbei, oder?) nach Hoi An bringt.

17.-19. Januar: Hoi An Mittlerweile haben wir das System durchdrungen: 10 Dollar fuer ein blitzblankes Doppelzimmer mit Bad und Ventilator in einem nagelneuen Hotel mit Swimming Pool im Stadtzentrum. Fruehstueck inklusive. Die Altstadt von Hoi An ist seit fast zehn Jahren komplett zum Weltkulturerbe erklaert worden, dennoch uebersteigt das Angebot an Hotelzimmern und Schneidern die Nachfrage noch deutlich. Schneider? Oh ja, Hoi An hat sich auf dem hart umkaempften Markt fuer Masskleidung in Suedostasien einen erstklassigen Ruf erkaempft und hunderte von Schneidern unterbieten sich mit ihren Angeboten: Ein Massanzug in vier Stunden fuer 30 Dollar, ein Hemd fuer 4 Dollar in einer Stunde, well anything goes...
Wir hatten in Laos einige Schweden getroffen, die seit Hoi An 60 Kilogramm Gepaeck (jeder!) schleppten, andere Stimmen berichten von Kleincontainern, die zum Postamt von Hoi An getragen wurden. Zum Glueck fuer unser Reisebudget feiern auch Schneider Tet und viele Laeden sind bereits dabei, zu schliessen, als wir in der Stadt ankommen. So bleibt uns weniger Zeit vor dem Spiegel oder alten Modemagazinen und mehr fuer die vertraeumte Altstadt mit ihren schnuckeligen Cafes und vertraeumten Innenhoefen.

Ein Tagesausflug fuehrt uns nach My Son, den Haupttempeln des einst maechtigen Reiches der Cham, den Erzfeinden der Khmer. Noch nach acht Jahrhunderten trotzt das Mauerwerk der Tempel Wind und Wetter, die Fugen gefuellt mit einem vergessenen Moertel sind blitzblank, waehrend die modernen Rekonstruktionen der franzoesischen Archaeologen von 1960 bereits wieder verschimmeln. Die Krieger der Cham werden wir in zwei Wochen auf den Friesen von Angkor Thom wiedersehen.
Viel zu kurz erscheint uns die Zeit in Hoi An, das uns sehr an das zauberhafte Luang Prabang erinnert (Die vielen franzoesischen Reisegruppen und das herrliche Baguette haben daran sicher grossen Anteil). Und natuerlich geht nach heftigem Kampf mit dem Amtsschimmel (12 Formulare jeweils in dreifacher Ausfertigung) auch ein kleines Paket von der Hauptpost in Hoi An auf den langen Seeweg nach Hause, bevor wir ins Flugzeug nach Saigon steigen.

Japanische Bruecke in Hoi An

20./21. Januar: Saigon (HCMC) Alle haben sie uns gewarnt, dass Saigon - der offizielle Name Ho Chi Minh City wird ausserhalb der Amtsstuben nur in Hanoi verwendet - noch viel schlimmeren Verkehr fuer uns bereit halten wuerde: 6 Millionen Einwohner, 3 Millionen Motorraeder und Roller klingen wie die ideale Rezeptur fuer einen Verkehrskollaps. Lag es am nahen Tet-Fest, das Ruhe auf den Strassen erfordert, oder an unserer allmaehlichen Abstumpfung, wir fanden es sehr angenehm auf den Strassen Saigons. Vielleicht auch daran, dass wir nur Abends in der Stadt unterwegs waren.

Bananen, reife Bananen!

Denn wir wollten vor Tet noch zwei Ausfluege in die Umgebung unternehmen: Ins Mekong-Delta und in die Cu Chi Tunnel. Urspruenglich planten wir mit einer mehrtaegigen Tour ueber das Delta nach Kambodscha zu reisen, aber das Tet-Fest besitzt in Vietnam den Stellenwert unseres Weihnachtens: Ein Familienfest, alle Laeden und Veranstalter schliessen, der Nah- und Fernverkehr ist auf ein Minimum reduziert. So begnuegten wir uns mit einer eintaegigen Tour, die uns dennoch die ganze Herzlichkeit der Menschen in der "Reisschuessel Vietnams" naeher brachte. Nach einer Fahrt ueber die grossen und kleinen Seitenarme des Mekong verbrachten wir den Nachmittag auf dem Markt einer Kleinstadt. Es herrschte Hochbetrieb, alle Hausfrauen mussten schliesslich fuer mehrere Tage einkaufen. Lebende und frisch geschlachtete Schweine sausten auf Motorraedern an uns vorbei (die Fahrer waren jedenfalls kaum zu erkennen), ueberall gab es die gelben Baeume und Blumen fuer das neue Jahr zu kaufen. Wir wurden mit frischem Obst beschenkt, eine vietnamesische Urgrossmutter aus dem Bilderbuch, die auf einem Berg Zwiebeln und Knoblauch sass, haette Eva am liebsten als Enkelin adoptiert und die Metzgerin lief ueber beide Backen rot an, als wir sie fragten, ob wir sie photographieren duerften, und posierte vor lauter Stolz mit einem besonders grossen Schweinekopf und einem riesigen Hackbeil.

Sehr viel trauriger war unser Ausflug am naechsten Tag: Die Cu Chi Tunnel, nur knapp 80km vor den Toren Saigons waren seit den 50er Jahren ein Hauptquartier der Vietminh und spaeteren Vietcong und im Vietnamkrieg Schauplatz erbitterter Gefechte ueber und unter der Erde. Gegen Kriegsende waren hunderte Kilometer von Tunneln bis zu drei Stockwerke tief unter die Erde gegraben worden und ueber 12.000 Vietcong weitgehend sinnlos fuer das Symbol eines Stuetzpunktes nahe an Saigon getoetet worden. Offiziell und in einem bizarren Propaganda-Video bis heute natuerlich ein grossartiger Sieg der lokalen Dorfbewohner ueber die Amerikaner und ihre Marionettentruppen. Die Ausstellung umfasst eine Sammlung aeusserst sadistischer Fallen aus Bambus und Granatenschrott, die die Angreifer aufhalten sollten. Daneben kann unter der Erde die beklemmende Atmosphaere der Tunnel fuer kurze Zeit erlebt werden. Erst in erweiterten Touristenschaechten, dann durch einen der Originaleinstiege (30cm x 20cm!) und zum Abschluss ein 150 Meter langes Krabbeln durch ein Tunnelstueck in Originalgroesse (sehr eng!). Es ist eine dieser Sachen, die man maximal einmal im Leben macht, insbesondere wenn vor einem drei Israeli mit Panik vor den Fledermaeusen den Tunnel blockieren.

Reispapier beim Trocknen

Zurueck in Saigon blieben uns nur noch wenige Stunden vor dem Beginn des Tet-Festes. Wir beschlossen, die Feste zu feiern, wie sie fallen und feierten zum zweiten Mal in einem Monat Neujahr, diesmal bei dreissig Grad. Nach einem ueppigen Abendessen flanierten wir zusammen mit ganz Saigon durch die Altstadt, der Verkehr war buchstaeblich zum Stehen gekommen, weil alle Motorradfahrer ihre Maschinen auf der Strasse parkten. Puenktlich zum Feuerwerk waren wir zurueck auf dem Dach in unserer Pension, wo die Familie eine Neujahrsparty schmiss. Was sie uns nicht verraten hatte, war, dass Party in Vietnam auch immer einen gewaltigen Schmaus beinhaltet, so dass wir auf unser Abendessen noch fuenf weitere Gaenge platzieren mussten, ehe wir in einem unbemerkten Moment, durch unsere Zimmertuer entkommen konnten.


Hier geht es weiter nach Kambodscha, hier zurueck zu den Tagebuchseiten.


            Stand: 5. Februar 2004