Südwesten der USA (11.-19. April)

11. April: Death Valley Es ist Ostersonntag! Die Bedienungen am Frühstückstisch im kleinen Kaff Lone Pine haben zur Feier des Tages rosa Plüschhasenohren auf. Wir ertragen es knapp, immerhin gibt es leckere Waffeln. Der Nachtportier hatte uns gestern noch einen Tipp mit auf den Weg gegeben: Gleich hier ums Eck in Lone Pine liege das Gebiet, in dem die meisten Western Hollywoods gedreht wurden. Und tatsächlich stehen wir keine 15 Minuten später in einer Felslandschaft, die all das bietet, was die Faszination der kommenden Tage ausmachen wird: Bizarre von der Erosion geschnitzte Skulpturen und Reliefe, die gelb, rot, schwarz, ocker strahlen. Dahinter erhebt sich die mächtige Kulisse des Mt. Whitney, des mit fast 4.500 Metern höchsten Berges der Vereinigten Staaten (mit Ausnahme von Alaska).
Nach diesem prächtigen Auftakt führt uns der Highway hoch hinaus auf 1500 Meter Höhe, bevor wir ins Tal des Todes absteigen. Während wir uns langsam der Höhe des Meeresspiegels wieder nähern, steigt die Außentemperatur ständig an. Zu unserem Glück ist Frühling und es wird nicht heißer als 35 Grad im Schatten. Am Talboden angekommen fällt uns kein Grund ein, warum Menschen hier leben sollten: Eine gnadenlose Salzwüste mit kärglichster Vegetation, am Horizont einige Sanddünen und schroffe Felswände der umliegenden über 3000 Meter hohen Berge. Die tiefste Stelle des Tals liegt 81 Meter unter dem Meeresspiegel: Ein kärgliches Wasserloch, so salzig, dass die ersten Landvermesser es "Badwater" tauften. Überhaupt lag die Assoziation einer Hölle sehr nahe: Devil's golf course, funeral mountains, hell's gate, coffin peak, Dante's view, deadman pass. Wir belassen es bei einer kurzen Wanderung in den Marble Canyon mit seinen vor vielen Jahrtausenden ausgeschliffenen und geschwungenen Marmorwänden und einer Fahrt zur "Künstlerpalette", wo verschiedene Mineralien dem toten Stein Farbe verleihen und scheinbar zum Leben erwecken. Beim Verlassen des Tals überkommt einen dieselbe Erleichterung wie der Pioniersfrau des ersten Trecks durch das Tal, die von ihrem Planwagen aus zurückrief: "Never again, valley of death!"

Die Farbpalette im Tal des Todes

11./12. April: Las Vegas Was für ein Irrsinn! Welch größenwahnsinniger Triumph menschlichen Schaffens! Mitten in der Wüste, die am schnellsten wachsende Stadt Amerikas: Las Vegas. Steter Sonnenschein und billiges Wüstenland ziehen so viele neue Einwohner in die Stadt, dass jeden Monat eine weitere Schule für die 1000 neuen Schulkinder gebaut werden muss. Und längst ist Las Vegas nicht mehr ausschließlich die weltweite Hauptstadt schlechten Geschmacks und schmieriger Dauerwellen: Die meisten Einwohner leben ihr ganz gewöhnliches Großstadtleben und verirren sich nicht mal aus Versehen an den legendären "Strip", wo die riesigen Hotelcasinos jedes Wochenende noch mehrere hunderttausend Spieler, Heirats- oder Vergnügungswillige in die Stadt ziehen. Es ist immer noch Ostersonntag, der Tag nach dem verlorenen Kampf von Witali Klitschko und einer der günstigsten Tage des Jahres in Vegas. Damit auch einer der langweiligsten, wie wir bald feststellen werden. Aber zunächst schließen wir in wenigen Stunden einige Lücken in unserer Reise: Abendessen bei künstlicher Dämmerung in einem kleinen französischen Dorf, danach schlendern wir durch Paris, beobachten japanische Touristen bei ihren Gondelfahrten auf dem Canal Grande (im ersten Stock!) und beim Shopping auf dem Markusplatz, machen einen Abstecher nach New York und in eine historische Ritterburg, erleben einen Vulkanausbruch und eine Piratenschlacht, bevor wir uns vom wirklich phänomenalen Cirque de Soleil verzaubern lassen.

Wer das alles als kulturellen Abgrund empfindet, hat natürlich recht, aber vergisst vor innerer Verkrampfung das Staunen und Lachen über so viel Anmaßung und Wagemut zugleich. Besonders grotesk wird es dann, wenn soviel Perfektion an sich selber scheitert, wie im Fall des 3000-Zimmer Luxuspalastes Bellagio, der an diesem Abend (und noch für drei Tage) wegen Stromausfalls komplett schließen muss und mit seiner riesigen, dunklen Fassade plötzlich die neon-glitzernde Welt unterbricht. Leider ist Ostersonntag Familiensonntag und so treffen wir nach Verlassen der Show nur noch auf verlassene Bars und einsame Croupiers. So sind wir schon gegen drei Uhr morgens zurück in unserem Zimmer mit ägyptischen Bad und Blick auf Sphinx und Pyramide und können wider Erwarten noch ausschlafen. Am frühen Nachmittag des nächsten Tages brechen wir nach Norden, nach Utah auf.
13. April: Zion Nationalpark Zion ist der westlichste der großen Nationalparks im Süden des Mormonenstaates und zeigt bereits die ganze geologische Dramatik dieser Gegend: Vom Grand Canyon ausgehend wurden hier die einzelnen Schichten nach oben gepresst und bilden heute die Stufen einer riesigen Treppe, auf der so die einzelnen Erdzeitalter bloß gelegt sind. Der Zion Canyon wurde im letzten Jahrhundert von mormonischen Expeditionen auf der Suche nach fruchtbarem Boden entdeckt und die Bezeichnungen der umliegenden Berge spiegeln die Bewunderung und Gottesfurcht der Pioniere wider: Hier gibt es Patriarchen, Tempel, Kathedralen, einen weißen Thron und vieles mehr. Wir entscheiden uns für einen Felsvorsprung namens Angels Landing, den wir nach schweißtreibender Kletterei und einer haarsträubenden Wanderung entlang eines steilen Grates erreichen. Wir stehen gute 500 Meter über einer Flußkehre im Talboden und blicken lange rundum in die weite Schönheit des Tals mit seinen leuchtend roten und gelben Felswänden. Nach einigen weiteren kürzeren Wanderungen geht es weiter hinauf zur nächsten Stufe der Treppe: Bryce Canyon.

14. April: Bryce Canyon Eigentlich ist Bryce Canyon kein richtiger Canyon, sondern eine Felswand von gut 300 Metern Höhe. Was diese Wand so einzigartig macht, ist die Tatsache, dass die Erosion die Wand nicht in einem Stück nach hinten fraß, sondern einen Wald von steinernen Säulen, den Hoodoos, hinterließ. Weil diese an ihrer Basis häufig dünner als an der Spitze sind, wirken diese Säulen gleichzeitig fragil und elegant. Quer über die Wand und Säulen hinweg verlaufen in rot und weiß die Gesteinsschichten und erzeugen im Sonnenlicht ein Farbenspiel, dass Assoziationen mit surrealen Gemälden hervorruft. Wir sind jetzt fast 3000 Meter hoch, die Luft ist klar und kalt. Auf den Säulen liegt zum Teil noch Schnee. Zum ersten Mal Bergwandern verkehrt: Der Abstieg steht am Anfang und geht natürlich locker-leicht, der Aufstieg kommt erst danach und bringt so manchen Wanderer in der dünnen Luft ins Schwitzen. Da trifft es sich gut, dass der Blick immer wieder über die Tausende von Säulen abschweift und zum Verweilen und Meditieren einlädt.

Falscher Flieger?

Dennoch ist dieser Nationalpark einer der kleinsten unserer Reise und wir queren an diesem Nachmittag noch ein großes Stück des südlichen Utah, den Giant Staircase - Escalante und den Capitol Reef Nationalpark. Die Straßen werden jetzt einsam, die Landschaft mit jedem Kilometer bizarrer. Der Highway schlängelt sich über hohe Pässe und durch wilde Canyon-Täler, nur noch selten unterbrochen durch eine kleine menschliche Siedlung. In einem kleinen Kaff entdecken wir ein Schild "Joy's B&B", auf dem in zwölf Sprachen "Willkommen" steht. Joy ist 83 Jahre alt und betreibt seit 13 Jahren ihr B&B. Anfangs, so erzählt sie, seien die Leute im Ort sehr mißtrauisch gewesen: Jede Nacht ein anderer Mann zu Gast! Mittlerweile ist sie eine Institution und von ihren sechs Kindern, zwanzig Enkeln und vierzehn Urenkeln rufen mehrere am Abend an, um die neuesten Geschichten von ihren Gästen zu erfahren. Ob wir Lust hätten, mit ihr das letzte Basketballspiel der Utah Jazz in dieser Saison zu sehen? Wir könnten ihr dann immer den Spielstand vorlesen, die Augen seien nicht mehr die besten. Trotz der Niederlage ist sie danach noch ganz beschwingt: Sie könne nur hoffen, dass John Kerry Präsident würde, schließlich sei sie seit der Depression überzeugte Demokratin. Welche Depression? Nun, die große, 1930.
15. April: Monument Valley Nach einem mächtigen Frühstück verabschieden wir uns von Joy und machen uns auf den Weg in den Süden. Wir bewundern den durch eine lange Dürre fast ausgetrockneten Lake Powell und die Schönheit des Red und Green Canyon, klettern im Natural Bridges Park unter gewaltigen ausgespülten Felsbrücken hindurch und wollen dann eigentlich über eine entlegene Steilstraße nach Arizona rollen. Doch Zufälle gibt's, die gibt's nicht: In der Mitte dieses Nirgendwo taucht plötzlich ein Motorradfahrer hinter uns auf, hält beim nächsten Stop neben uns und fragt: "Are you German?" Es ist Christian Schulhauser, ein Kollege von Eva, der kurz nach uns bei Alex in Santa Barbara war und von diesem den Hinweis bekommen hatte, wir seien mit silbernen Cabrio und unbekannter Route im Großraum Utah, Arizona, Nevada unterwegs. Wir waren schon das dritte Cabrio, dem Christian heute hinterhergefahren war, und nach vielen erfolglosen Tagen endlich der Volltreffer. Wir suchen uns einen Aussichtspunkt mit Blick aufs Monument Valley und quatschen zwei Stunden lang über Gott und die Welt. Danach fährt er nach Norden, wir nach Süden weiter und wir können es immer noch nicht fassen. Dagegen verblassen selbst die berühmten Westernkulissen des Monument Valley, die wir uns vor Sonnenuntergang noch ansehen.

Geologische Spitzfindigkeiten: Bryce Canyon

16./17. April: Grand Canyon Lang sind wir letzte Nacht noch durch das Reservat der Navajo gefahren, um möglichst nahe an den Grand Canyon zu kommen. Der erste Blick auf den Canyon bleibt wohl jedem unvergesslich: Gut 280 Kilometer lang, 20 bis 30 Kilometer breit und meist über 1500 Meter tief. Der Colorado, der diese gewaltige Furche schlug, ist vom Rand des Canyons nur noch selten zu sehen. Doch das Auge versteht diese gewaltigen Ausmaße nicht, schätzt die Entfernungen fast automatisch zu kurz ein. Wir halten an vielen Aussichtspunkten und versuchen, die Größe zu begreifen. Einen ersten Eindruck bekommen wir, als wir am Nachmittag erstmals ein kurzes Stück in den Canyon absteigen: Auch nach einer Stunde ist der Boden weder sichtbar noch erkennbar näher gerückt. Dafür türmen sich jetzt über uns auf einmal hohe Felswände auf, zwischen denen kaum erkennbar der winzige Ameisenpfad verläuft, den wir gekommen waren. Am nächsten Morgen versuchen wir es nochmal und steigen den bekanntesten Weg, den Bright Angel Trail, rund 700 Meter tief ab. Jetzt sind wir immerhin einem Zwischenplateau näher gekommen, vom Fluß immer noch keine Spur. Dafür steht uns jetzt ein steiler, der Sonne ausgesetzter Aufstieg zurück an die Felskante bevor. Es hilft nichts, Menschen sind zu klein für diesen Ort. Am späten Nachmittag verlassen wir den Canyon und beginnen die ersten Kilometer zurück nach Kalifornien, zurück an den Pazifik zu fressen.

18./19. April: Kingman, St. Barbara, LA Wir haben in Kingman übernachtet. Einer der Orte, wo das kleinste Steak im Restaurant 300 Gramm hat und ein Pfund gebratenes Fleisch als "Cowboy Steak" angepriesen werden. Wir haben schon lange aufgegeben, je ein Hauptgericht zu bestellen, sondern teilen uns eine Vorspeise und ein Hauptgericht. Das reicht dicke. Und hält auch für die lange Fahrt durch die Mojave Wüste und viele Berge am nächsten Tag vor. Gegen vier Uhr erreichen wir Santa Barbara, wo uns Alex bereits erwartet und Florian die Vorzüge des Wellenreitens in 16 Grad kalten Wasser beibringen will. Zum Start gibt es ein winziges Brett und keinen Neoprenanzug, "so siehst du aus wie der Oberchecker". Der vermeintliche Oberchecker fällt erst mal über die Schnur zwischen seinen Beinen und ist nach zwanzig Minuten blau gefroren. Aber gegen die Wellen hat es sogar Spaß gemacht! Unser letzter Tag in Kalifornien ist angebrochen. Wir bedanken uns bei Alex für seine Gastfreundschaft und fahren die Küste hinunter nach Los Angeles. Zum Mittagessen schauen wir den Surfern am Strand zu, damit wir es beim nächsten Mal besser können und bummeln danach auf der vergeblichen Suche nach Top-Modells und Bodybuildern von Santa Monica Pier zu Venice Beach. Jetzt wird es unausweichlich: Die letzte Station unserer langen Reise bricht an, wir fliegen nach New York!

Monument Valley


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            Stand: 9. Mai 2004