Nord-Vietnam (10. Januar - 14. Januar)

Eine Lanze fuer Vietnam: Vietnam scheint auf einige Besucher eine aehnliche Wirkung auszuueben wie seine ehemalige Kolonialmacht Frankreich, ueber das gehaessige Zungen spotten, ohne seine Bewohner waere es das schoenste Land der Erde. Vermutlich ist diese Einschaetzung eine Folge der Tatsache, dass die Vietnamesen eine jahrhundertealte Tradition als Haendler besitzen und sie sind wirklich gut darin; Auf den ungeuebten Reisenden prasselt es von vorne, hinten, links und unten ein: "You want to buy some books?", "Hello Mister", "Madahm, cyclo?", "Hello Sir, come inside, special price". Dazu noch das obligatorische "Shooooeshiiine" der Schuhputzerjungen, die sich auch nicht von Gummisandalen abschuetteln lassen und einen mehrere Strassenzuege verfolgen.
Doch nach ein, zwei Tagen sind die eigenen Reflexe (Kopfschuetteln, Laecheln und zur Not Haken schlagen) geschult und die Augen sehen die ganze Schoenheit des Landes: Baeuerinnen mit dem traditionellen kegelfoermigen Hut, die ihre Ware auf einer gigantischen Waage ueber ihren Schultern balancieren, das Feilschen und Lachen auf den allgegenwaertigen Maerkten, die Reisbauern in satt gruenen Feldern, die alten chinesischen und franzoesischen Villen,...
Nach all der Schwaermerei muessen wir zugeben: Auch wir sind in Vietnam uebers Ohr gehauen worden (Bei der naechsten Buchung fragen wir, ob der Bus ein Gepaeckfach hat!!!), haben uns ueber Korruption, Vetternwirtschaft und absurde Buerokratie geaergert. Aber wir haben eben auch eine einzigartige Herzlichkeit und Gastfreundlichkeit erfahren duerfen, Haendler, die sich vor Lachen bogen (und den Preis um 75% reduzieren), als wir unser "oisoioi mad qua" (Oh mein Gott, viel zu teuer!) aufsagten und den Taxifahrer, der uns mangels Kleingeld unser Wechselgeld aufrundete.
Anmerkung fuer lange Menschen: Anders als in Thailand oder Laos wird das Staunen ueber europaeische "Riesen" in Vietnam durchaus handfest: Ein Handkantenschlag in die Nierengegend gefolgt von lautem Kichern signalisiert nur, dass wieder ein Einwohner die eigene relative Hoehe seinen Freunden vorfuehrt.

Altes Viertel Hanoi

9./10. Januar: Es ist bereits dunkel, als wir in Hanoi ankommen. Unsere schlimmsten Vorurteile scheinen sich zu bewahrheiten, als der Taxifahrer von der hellerleuchteten Hauptstrasse ploetzlich in dunkle Nebengassen ausweicht. Es wird finster um uns, aus Haeusern werden Wellblechhuetten, vor denen sporadische Feuer brennen. Doch nach bangen Minuten nimmt die Strassenbeleuchtung und der Verkehr wieder zu, es war nur eine Abkuerzung. Dann unsere erste Erfahrung mit der vietnamesischen Geschaeftstuechtigkeit: Unser Hotel ist leider voll, aber der Hotelbesitzer weiss sofort Rat: Sein Vetter hat doch auch ein Hotel einfach die Strasse herunter, natuerlich ist der Transport umsonst, das Zimmer leider etwas teurer als geplant, aber wenn Sie jetzt schon einmal hier sind, nicht wahr? Was sind so die Plaene fuer die naechsten Tage, er betreibt nebenbei eine kleine Reiseagentur und koennte uns sicher mit Touren, Ausfluegen usw. weiterhelfen... Wir ziehen die Reissleine, murmeln etwas von Muedigkeit und ungeklaerter Weiterreise und verschaffen uns erst einmal ein paar ruhige Minuten. Nach der Ruhe von Laos trifft einen die Geschwindigkeit Hanois gleich doppelt. Am wildesten ist der Verkehr: Das Transportmittel schlechthin ist der Motoroller, von denen passen ja auch zehn nebeneinander in die enge Gasse. Um sich einen Weg durch die Massen zu bahnen, haben die meisten ihre Hupe auf Dauerton gestellt. Irgendwie schlagen wir uns zu einem Abendessen durch und stossen auf die erste erfolgreiche Strassenueberquerung an.
Am Abend des naechsten Tages haben wir verstanden: Alle Instinkte aus der Verkehrserziehung 3. Klasse Grundschule unterdruecken und ohne nach links oder rechts zu blicken einfach auf die Strasse treten. Dann ruhig ohne zu rennen geradeaus laufen, alles Hupen, Bremsen, Schreien ignorieren und beim Erreichen der anderen Strassenseite wieder ausatmen. Eva lernt es schon vorher, als ihr eine alte Dame ueber die Strasse hilft (sic!). Wir verbringen den ganzen Tag im alten Handelsviertel von Hanoi, dessen Strassenbild immer noch von den alten Zuenften bestimmt wird: An die Strasse der Papierhaendler schliessen sich die Lampionhaendler an, gefolgt von Lackwaren und nach rechts zu den Schmieden. Ueberall herrscht eifrigste Taetigkeit, in zehn Tagen feiert Vietnam das Tet-Fest, den Beginn des neuen chinesischen Mondjahres, das eigentliche Neujahrsfest.

12. Januar: Heute wagen wir uns etwas weiter aus unserer unmittelbaren Nachbarschaft (Wir sind mittlerweile in eine Pension umgezogen, die nach unserer Kenntnis keine verwandschaftlichen Beziehungen zu unserer ersten Unterkunft besitzt...) Auf dem Plan steht ein Besuch bei "Uncle Ho", laut offizieller Verlautbarung immer noch der freundliche Spitzname des ehrenwuerdigen, einstigen ersten Vorsitzenden Ho Chi Minh. Entgegen den ausdruecklichen Wunsch in seinem Testament wurde Ho nach seinem Tod in der altkommunistischen Tradition einbalsamiert und in einem tatsaechlich unglaublich bombastischen Mausoleum ausgestellt. Das heisst bis auf zwei Monate im Jahr, die er in Moskaus verbringt - "zur Instandsetzung" wie unser Reisefuehrer bissig bemerkt.

Wir geraten mitten in eine vietnamesische Reisegruppe aus der Provinz, die unter den strengen Augen des Ehrenbataillons den roten Teppich abschreitet, der den Weg durch das Gebaeude festlegt. Danach geht es in den Garten, wo das Wohnhaus (einfach) und die Schlafgemaecher (spartanisch) Hos besichtigt werden. Wie ueblich zahlen Westtouristen am Eingang Eintritt, fuer Vietnamesen ist die Gebuehr freiwillig. Wir versaeumen unverantwortlicherweise den Besuch im Ho Chi Minh Gedaechtnismuseum, das alle Stationen Hos nachzeichnet, und den Kauf einer Gipsbueste, die je nach Groesse zwischen 4.000 und 20.000 Dong ( 20 Euro Cent bis 1 Euro) kostet. Stattdessen besuchen wir noch den "Tempel der Literatur", die aelteste Universitaet Vietnams, in der der Beamtennachwuchs in der konfuzianischen Lehre geschult wurde. Die Namen der erfolgreichen Doktoranden und spaeteren Mandarine wurden auf Steintafeln verewigt, die von Schildkroeten getragen werden. Auch eine Eliteuniversitaet, Herr Schroeder :-)

Uncle Ho's Mausoleum

12.-14. Januar: Ha Long Bai: Zwei Tage sind viel zu kurz fuer Hanoi, aber der enge Zeitplan und die Sorge um das nahe Tet-Fest treiben uns weiter. Dennoch reservieren wir drei Tage fuer das Naturdenkmal in Vietnam: Ha Long Bai, die Bucht der Tausenden von steilen Kalksteinfelsen, die der Sage nach aus den Traenen von Drachen aus dem Meer wuchsen, um die Bewohner vor Angriffen aus dem Sueden zu beschuetzen. Mit etwas Internetrecherche und Glueck landen wir auf der "Dragon Pearl", einer nagelneuen Junke, die uns in das Labyrinth der Felsen bringt. Die Wechsel der Jahreszeiten haben aus den Kalksteinen bizarre Skulpturen geschnitzt und gewaltige Hoehlen geschaffen. Unser Reisefuehrer schickt uns mit den Worten: "You are tourists, you have to do stupid things" noch einmal zum Schwimmen ins kalte Wasser der Bucht, bevor wir uns ueber das Abendessen im Speisesaal hermachen. Zur Verdauung geht es aufs mittlerweile bitterkalte (10 Grad! Wir sind es halt nicht mehr gewohnt) Deck zum Sterngucken.

Die Dragon Pearl in Ha Long Bai

Am naechsten Morgen verlassen wir die "Dragon Pearl" und wechseln mehrfach auf immer kleinere Boote, bevor wir von einem winzigen Kutter an einem kleinen Strand ausgesetzt werden. Hier ist das Basiscamp der Kayaktouren. Das Hauptziel beim Kayakfahren ist es, trocken zu bleiben. Das gelingt uns leider nur teilweise, weil uns gleich beim Start einige Wellen ueberspuelen. Danach trotzen wir aber erfolgreich Wind und Wellen und erkunden die magische Welt der Felsen aus naechster Naehe. Durch Loecher im Fels geht es hinein in verborgene Buchten, Hoehlen und Seen und vorbei an den schwimmenden Doerfern der Fischer und Shrimp-Farmer. Unser Fuehrer erklaert uns den Fahrplan der driftenden Grundschule und die Lebenszeiten von Hunden in Vietnam: "normal dog: five years; clever dog: seven years; stupid dog: three years". Gerechnet jeweils vor dem Kochtopf.

Nach einer weiteren kalten Nacht, diesmal allerdings in einer Bambushuette und nicht in einer warmen Kabine, machen wir uns auf den Rueckweg. Die Boote nehmen an Groesse wieder zu, waehrend wir uns dem Festland naehern. Zurueck in Hanoi stossen wir mit unseren Kayakgefaehrten noch einmal an, bevor wir uns auf den Weg zum Nachtzug machen. Dort erwartet uns eine australische Familie in unserem Abteil, die uns den Abend ueber mit Bier versorgt und dafuer von uns einige grundlegende Dinge ueber ihr Reiseland lernen (2 Dollar Trinkgeld entsprechen dem Wochenlohn eines Kellners und sind daher eher grosszuegig; nein, die Bettlaken im Zug sind nicht gewaschen; ja, die zunaechst genannten Preise sind um 200-300 Prozent zu hoch und verhandelbar,...) Angesichts des Berges an Bierdosen erteilt die Schaffnerin uns allen aber noch eine weitere Lektion. Seelenruhig demonstriert sie uns die korrekte Form der Abfallbeseitigung und kippt unseren ordentlichen Muellbeutel kurzerhand aus der Tuer des fahrenden Zuges.

Im Kayak in Ha Long Bai


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            Stand: 5. Februar 2004