Neuseeland Nordinsel (26. Februar - 7. März)

26./27. Februar: Wellington In einer versteckten und sehr pittoresken Bucht liegt die Hauptstadt Neuseelands. Das hindert Wellington nicht daran, eine der windigsten Großstädte der Welt zu sein, in der das Wetter alle dreißig Minuten umschlägt. Es gibt ernstzunehmende Gerüchte, wonach in der Stadt öfters gleichzeitig Hagel, Regen, Bewölkung, Nebel und Sonnenschein gemeldet werden. Uns zeigte sich Wellington von seiner Schokoladenseite: Die Sonne lacht, die zahllosen Cafés versprühen ihren Charme und an der Strandpromenade toben sich die sportbegeisterten Neuseeländer aus. Wir lassen uns von der Kabelbahn auf den Hügel direkt hinter der Stadt ziehen und schlendern gemütlich durch den Botanischen Garten ins Regierungsviertel. Hier erwartet uns eine skurrile Sammlung architektonischer Mißgriffe, ein Tiefpunkt sicher der im Volksmund auch treffend "Bienenhaus" genannte Betonkegel, in dem das Parlament Neuseelands tagt.
Stimmiger erscheint uns da schon unser Nachmittagsprogramm: Das "Te Papa", das neuseeländische Nationalmuseum, führt uns mit einem Erdbebensimulator, riesigen Walgerippen und zahllosen Knöpfen in die Naturgeschichte Neuseelands ein. Hier sehen wir erstmals auch eine Ausstellung über die Maori, die von den Cook Inseln im Südpazifik Neuseeland um die erste Jahrtausendwende entdeckten und in den folgenden Jahrhunderten besiedelten.

Eingang zum Maori-Dorf

Unsere zweite und dritte Nacht in Wellington verbringen wir etwas außerhalb der Stadt, in der wunderschönen Moana Lodge. Hier lassen wir uns zu einer Tagestour rund um Wellington überreden, bei der uns ein lokaler "Kiwi" die abgelegenen Schönheiten der Stadt zeigt. Natürlich kommen dabei die neuesten Sehenswürdigkeiten Wellingtons nicht zu kurz: Hier wurden die meisten Szenen der "Herr der Ringe"-Trilogie gedreht und jeder Einwohner weiß seine eigene Geschichte vom Zusammentreffen mit merkwürdigen Filmmenschen und großen Scheckbüchern zu berichten. Unser Führer arbeitete zur dieser Zeit für das Unternehmen, das den Drehort mit Klohäuschen und neuen Mülltonnen versorgen sollte. Sobald jedoch einer der kräftigen Mitarbeiter sich am Set blicken ließ, wurde er sofort für viel Geld als Statist eingestellt und verbrachte die nächsten Monate wechselweise als Ork, Elfenkrieger oder Reiter von Rohan. In ihrer Verzweiflung stellte die Leitung des Entsorgungsunternehmens die Dienstpläne der verbleibenden Mitarbeiter so um, dass ein Kontakt mit der Produktionsfirma ausgeschlossen werden konnte.

28./29. Februar: Rotoroa Gerade noch rechtzeitig machen wir uns auf den Weg in den Norden: Das nächste schwere Unwetter bahnt sich an, während wir auf der ganzen Strecke noch die Schäden der großen Überschwemmung der letzten Wochen erkennen können. Wir kämpfen uns durch Wolkenbrüche und Windböen vorwärts, unterdessen verkündet das Radio frohgemut immer neue Straßensperrungen in unserem Rücken. Am späten Abend erreichen wir Rotoroa im Herzen der Nordinsel. Diese Gegend ist berühmt für ihre Thermalquellen, sogar in unserer Jugendherberge gibt es einen heißen Pool! Daneben ist die Gegend um Rotoroa auch altes Maori-Gebiet mit zahlreichen Marae (Versammlungshäuser). Gelegenheit also, diese ursprüngliche Kultur kennenzulernen, auch wenn die angebotenen Touren uns erschreckend an bayerische Kulturabende für japanische Bustouristen erinnern. Nun ja, es war vielleicht gerade deswegen eine Gaudi: Bereits im Bus wurde einer der Teilnehmer zum Häuptling ernannt. Er sollte uns bei der traditionellen Herausforderung vor dem Dorf anführen, bei der ein Krieger des Dorfes mit wildem Augenrollen, Drohgebärden und Herausstrecken der Zunge die Wehrhaftigkeit des Stammes unter Beweis stellt, bevor er einen Stecken als Friedensangebot unserem Häuptling vor die Füße wirft. Zum Glück hielt sich der gute Mann ans Protokoll und nahm den Stecken auf. So endeten wir an diesem Abend nicht im, sondern vor dem Kochtopf, während um uns herum wilde Kriegstänze zelebriert wurden.
Am nächsten Tag erkundeten wir die heißen Quellen, Schwefelhöhlen und -seen der nahen Umgebung. Höhepunkt war der Ausbruch eines 15 Meter hohen Geysirs, der von einem der Ranger durch Zugabe von einigen Kilo Waschmittel in die heiße Quelle pünktlich um 10.15 Uhr ausgelöst wurde. Dieser Zusammenhang war ein Jahrhundert zuvor unfreiwillig von einer Sträflingskolonne beim Waschen ihrer Gefängniskleidung entdeckt worden...

1. März: Tongariro Crossing Unsere nächste Anlaufstelle war Turangi, einer der möglichen Ausgangspunkte für eine der berühmtesten Wanderungen Neuseelands: Die Überquerung des Tongariro-Hauptkammes. Seit Tagen hatten wir unsere Reise anhand des Wetterberichtes für diesen Ort geplant. Der heutige Tag schien der einzig mögliche Termin der nächsten Zeit zu sein: "the odd shower in the morning, mostly fine in the afternoon". Zusammen mit zwanzig weiteren Unerschrockenen stiegen wir also in aller Früh aus dem warmen Bus hinaus in den kalten Nieselregen. Zum Glück hatten wir den Wind im Rücken: Immer, wenn wir in den dichten Nebel zurückblickten, verstanden wir den Rat unseres Busfahrers: "Wenn Ihr den halben Weg oben seid, kehrt lieber nicht mehr um!".
Als wir uns die letzten Meter zum Pass hochkämpften, geschah das Unfassbare: Vor uns rissen die Wolken auf und offenbarten einen ersten Blick auf die umliegenden Vulkangipfel. Während wir uns noch die klammen Finger aufwärmten, um erste Photos zu machen, wurde klar: Neuseeland besitzt fähige Meteorologen! Uns bot sich ein unglaubliches Panorama von strahlend hellblauen Mineralseen und feurig rotem und schwarzem Vulkangestein. Dazwischen ragen die drei großen Vulkankegel der Tongarirokette empor. Gestärkt durch die Sonnenstrahlen (und eine ordentliche Brotzeit) vergeht der lange Abstieg wie im Flug. Vorbei an den satten Farben der Mineralseen, den heißen Bächen und warmen Steinen wieder zurück in die Zone der Vegetation. Zur Belohnung winkt unten ein heißer Thermalpool, in dem wir uns genüßlich langsam gar kochen lassen.

Schwefelquellen in Rotoroa

2.-5. März: Northland Mittlerweile waren fast alle Straßensperren geräumt und so stand unserer Weiterfahrt an die Nordspitze Neuseelands nichts mehr im Wege. Auf der Strecke leisteten wir uns noch einen Abstecher nach Mittelerde: Inmitten einer weitläufigen Schaffarm stehen die einzigen noch erhaltenen Aufbauten für die Verfilmung des Tolkienschen Epos. Im einstigen Hobbingen lassen mit Sperrholz gezimmerte Erdlöcher noch die Filmszenen erahnen, sogar Beutelsend ist noch zu erkennen. Wir hatten einen guten Tag gewählt, in der Nacht zuvor hatte der Film elf Oskars gewonnen und ganz Neuseeland feierte kräftig mit.
Die nächsten Tage verbrachten wir als Gäste auf einer kleinen Farm nah an der Küste, genossen die wirklich schönen Strände, auch wenn uns das Wasser mit nur 16 Grad zu kalt war. Das hielt uns aber nicht von einem Tauchgang vor den Poor Knights Inseln ab, wo inmitten einer sonst stürmischen und aufgewühlten See geschützt von mächtigen Klippen wunderschöne Landschaften unter Wasser liegen, in denen sich riesige Fischschwärme tummeln.

Ausblick beim Tongariro Crossing

Am nächsten Tag standen die wichtigsten der wenigen historischen Stätten Neuseelands auf dem Programm. Die herrliche Bay of Islands, eine Bucht mit exakt 144 kleinen und größeren Inseln, wurde Anfang des 19. Jahrhunderts bevorzugte Station der Walfänger. Die heute so romantische Kleinstadt Russel erwarb sich den zweifelhaften Ruf des "Hellhole of the Pacific". Nachdem die Berichte über die wüsten Ausschreitungen der Europäer nach England gedrungen waren, entschloss sich die britische Regierung mit einigem Widerwillen zum Handeln und schloss 1840 mit rund einhundert hochrangigen Maori den Vertrag von Waitangi, in dem diese die Oberhoheit der britischen Krone anerkannten und gleichzeitig die britischen Bürgerrechte und Schutz ihrer Kultur und ihres Eigentums zugesichert bekamen. Aufgrund unklarer Formulierungen und Übersetzungsfehlern ist dieser als "Verfassung von Neuseeland" gefeierte Vertrag noch heute ein politisches und juristisches Minenfeld. Dem gemeinen Touristen ist dies herzlich schnuppe, er genießt den wunderschönen Ausblick vom Denkmal und bewundert die Schnitzereien des Versammlungshauses und das riesige Waka, ein reich verziertes Kriegskanu der Maori, das mehr als 72 Ruderer erfordert. Auf dem Rückweg nach Auckland nahmen wir den Weg über die Westküste, wo wir noch die einst weit verbreiteten Kauri-Bäume bewundern konnten. Wobei wir zunächst fast vorbeigelaufen wären: Als Europäer erkennt man eine acht Meter breite Wand eben nicht sofort als Baum.

6./7. März: Auckland Die letzten Tage in Neuseeland waren angebrochen und, ganz ehrlich, wir freuten uns schon wieder auf mehr Sonne und Wärme. Doch zunächst hieß es Wäsche waschen, Einkäufe erledigen und noch einmal den Magen vollschlagen: Der Südpazifik ist nicht nur eine der abgelegensten, sondern auch eine der teuersten Regionen der Erde. Daneben fanden wir noch Zeit, einige Stunden im Museum von Auckland zu versumpfen, wo uns eine reiche Sammlung pazifischer Kunst auf die kommenden Freuden einstimmte. Vor Auckland selbst waren wir gewarnt worden: Die Stadt sei zwar so groß wie München und damit Heimat für jeden dritten Neuseeländer, aber dennoch furchtbar langweilig. Wir können das weder bestätigen noch abstreiten, doch zumindest von oben sieht die Stadt, die auf einer engen Landbrücke liegt, sehr schön aus.

Wer erkennt es wieder?


Hier geht es weiter auf die Cook Inseln, hier zurueck zu den Tagebuchseiten.


            Stand: 4. Mai 2004