Kambodscha (22. Januar - 28. Januar)

22. Januar: Wir bekommen ja haeufig Emails von Freunden und Verwandten, die uns schreiben, wie neidisch sie auf unsere Reise sind. Nun, es gibt auch Tage wie diesen: Es ist Neujahr (fuer Chinesen und Vietnamesen), dennoch muessen wir um 7 Uhr aus den Federn. Unser Bus soll uns um acht Uhr abholen. Wir verbringen einige nette Stunden mit voellig verkaterten Hotelangestellten, die ihre Kopfschmerzen mit einem auf voller Lautstaerke droehnenden China-Pop Sender unterdruecken.
Kurz vor zehn Uhr trifft der Bus ein. Wir bekommen die letzten zwei Plaetze hinten rechts, das heisst zunaechst muessen diese von Rucksaecken freigeschaufelt werden. Der Bus hat kein Gepaeckfach und die Taschen werden im Mittelgang bis auf Brusthoehe gestapelt. Wir robben ueber die anderen Reisenden und Taschen. Zum Glueck bleiben wir in diesem Bus nur bis zur Grenze, also zirka 2 Stunden. Inklusive Tankstop, denn aus kaufmaennischer Vorsicht werden Transportmittel in Vietnam immer erst dann betankt, wenn die Passagiere bereits eingestiegen sind.
An der Grenze angekommen, erwartet uns bei 35 Grad die naechste Ueberraschung. Aufgrund des Feiertages ist nur ein Schalter besetzt, dennoch insistiert der Grenzbeamte auf seinen drei Formularen je Person, die er persoenlich und sorgfaeltig ausfuellt. Zum Glueck sind wir unter den ersten Zehn in der Schlange und haben daher sogar ein wenig Schatten, so denken wir noch optimistisch. Bis wir merken, dass neben unserer Schlange noch eine zweite, unsichtbare existiert, die links hinter dem Schalter versickert. Durch diese wandern Buendel von vietnamesischen Paessen, angereichert mit ein paar Scheinen, um die Prozedur zu beschleunigen.
Nach einer halben Stunde Stillstand in unserer Schlange geschieht das Wunder. Ein Buendel Paesse der linken Schlange faellt um, und die sorgfaeltig versteckten Scheine fallen offen heraus. Der Grenzbeamte ist empoert: Er und bestechlich, niemals! Demonstrativ beginnt er, den Stapel der auslaendischen Paesse vor ihm zu bearbeiten. Und so schreiten wir bereits nach einer Stunde durch den kambodschanischen Grenzposten, wo sich unsere Reisegruppe im einzigen Lokal wieder sammeln soll. Wir hatten wirklich Glueck, die letzten aus unserem Bus stehen fast vier Stunden an der Grenze in der Sonne und es ist spaeter Nachmittag, als wir uns auf die letzten 150 Kilometer nach Phnomh Penh machen, also gute vier bis fuenf Stunden auf kambodschanischen Strassen. Diesmal gute Nachrichten: Es gibt ein Gepaeckfach.
Unser Fahrer stellt einen neuen Rekord auf der Strecke auf und akzeptiert dabei auch kleinere Schaeden. So rammen wir nach einer Stunde eine ausgewachsene Kuh seitlich von der Strasse und verursachen mehrfach Panik unter Mensch und Tier am Strassenrand. Als wir gegen sieben Uhr in Phnomh Penh eintreffen, braeuchten wir erst einmal einen Schnaps. Stattdessen erwartet uns noch ein laengerer Fussmarsch, bis wir endlich ein Zimmer gefunden haben: Chinesisch Neujahr laesst gruessen, die chinesischen Behoerden schaetzen, dass in diesen Tagen 1,8 Milliarden Ausfluege oder Kurzurlaube unternommen werden...

Drachentanz

23. Januar: Phnomh Penh Am naechsten Morgen wecken uns laut droehnende Trommeln. Der chinesische Ladenbesitzer nebenan laesst die Drachentaenzer aufmarschieren, um das neue Jahr zu segnen. Nachdem zunaechst am Boden drei Drachen, die jeweils von zwei Taenzern getragen werden, ihr Unwesen treiben, springt eines der Paare ploetzlich aus dem Stand ueber einen Meter auf den ersten Pfosten vor dem Laden und beginnt einen furiosen, akrobatischen Tanz ueber die immer hoeher werdende Pfostenreihe. Dabei bedienen sie fortwaehrend Augen, Ohren und Schwanz des Drachen, so dass man ein wirkliches Wesen vor sich glaubt. Der Drache zoegert vor den grossen Spruengen, windet sich, bockt, faellt beinahe, und wird doch immer wieder von der grellen Musik weiter und hoeher getrieben. Zum Schluss folgt ein gewaltiger Satz und sie sind wieder heil auf dem Boden. Ein gutes Omen fuer das neue Jahr!

In Phnomh Penh zeigt sich deutlich, dass wir im bisher aermsten Land auf unserer Reise angekommen sind: Zerstoerte Strassen, zahllose Bettler, Staub und Dreck, die wenigen restaurierten Villen, in denen internationale Organisationen sitzen, sind dick mit Stacheldraht umhuellt. Den Vormittag widmen wir der einstigen Pracht dieses Landes und besuchen den Koenigspalast und die angrenzende Pagode mit dem Fussboden aus Silberkacheln. Danach erwartet uns im Nationalmuseum ein erster Eindruck der Schoenheit des einstigen Angkor, der Hauptstadt des grossen Khmer-Reiches vom 9. zum 14. Jahrhundert: Majestaetische Statuen, verspielte Sandstein-Reliefs mit den grazilen Taenzerinnen.
In graesslichem Kontrast dazu der Nachmittag, der uns auf die "Killing Fields" vor Phnomh Penh fuehrt, wo in 120 Massengraebern fast 20.000 Opfer der Khmer Rouge auf grausamste Weise starben. Eine schlichte weisse Pagode enthaelt die Schaedel von ueber 8.000 Opfern, die bei den ersten Ausgrabungen nach dem Einmarsch der Vietnamesen 1979 gefunden wurden. In Phnomh Penh selbst zeigt das beruechtigte S-21 Gefaengnis noch die Spuren des Schreckenregimes: Enge Beton- und Holzzellen in ehemaligen Klassenzimmern sowie die akribisch dokumentierten Gefangenenphotos der ueber 20.000 Opfer, von denen nur sieben ueberlebten.

24. Januar: Frueh am naechsten Morgen brechen wir auf zum Fluss, wo wir mit hunderten von chinesischen Reisenden ins Schnellboot nach Siem Reap steigen. Heute fahren drei Boote, alle bis auf den letzten Platz gefuellt. Wir suchen Zuflucht auf dem Dach, wo wir im Fahrtwind von 35 Knoten die malerischen Ausblicke auf den Tonle Sap, den grossen Zufluss des Mekong, geniessen. Nach zwei Stunden erreichen wir den Binnensee, aus dem der Tonle Sap fliesst. Rundum ist nur noch Wasser zu sehen, unser Boot jagt nur vereinzelt an Fischerbooten vorbei, aus denen uns die Menschen eifrig winken. Wegen der Trockenzeit kann unser Boot die letzten Meter zur Anlegestelle nicht mehr manoevrieren und wird von einem Langboot geschleppt.
Am Ufer erwarten uns zwei Motorradfahrer aus unserem Gaestehaus. Die Rucksaecke werden ueber den Lenker geklemmt, wir hinter die Fahrer und los geht es ueber Stock und Stein und haarscharf an den ganz tiefen Schlagloechern vorbei, die letzten Kilometer nach Siem Reap, dem Ausgangsort fuer Besichtigungen in Angkor.

Wie benutzt man westliche Toiletten?

25-27. Januar: Siem Reap und Angkor Schwer faellt es, Worte zu finden fuer solche Pracht und Schoenheit, schrieben die ersten franzoesischen Entdecker der Ruinen von Angkor. Auch heute noch, nachdem die grossen Tempel dem Dschungel abgetrotzt und in muehevoller, fortlaufender Restaurierung wieder zusammengebaut wurden, verfaellt man dem Zauber dieses Ortes. Besonders im fruehen Licht des Morgens oder dem satten Rotgold des Nachmittages scheinen die grazilen Figuren auf den Reliefs aufs neue zu tanzen, die maechtigen Garudas (mystische Adlermenschen) blitzen mit ihren Augen und stemmen sich noch fester gegen die Mauer, die sie zu tragen scheinen. Auch wenn mit uns tausende von Pauschalurlaubern den ersten Sonnenuntergang bestaunen, die ganze Pracht von Angkor Wat, das im spaeten Licht glueht, fesselt.

Apsaras in Angkor

Fuer einen Abend und drei prall gefuellte Tage durchstreifen wir die Tempel und Palaeste, Tore und Mauern. Einige Tempel sind noch teilweise ueberwuchert, die Wuergerfeigen sprengen die Daecher und Mauern und schaffen neue, bizarre Skulpturen. Die grossen Tempel sind mit fortlaufenden Steinfriesen umgeben, auf denen die Legenden und grossen Taten der Khmer erwandert werden koennen: Die Kriege gegen die Cham und die Thai, die Kampf von Rama um seine Frau, Goetter und Daemonen, Eremiten und wilde Tieren. Den letzten Abend beschliessen wir mit einer Vorfuehrung der Apsara, der Tempel-Taenzerinnen, die uns in Stein die drei Tage lang begleitet hatten.

28. Januar: Erschoepft, doch sehr gluecklich von drei Tagen intensiver Besichtigung treten wir die Rueckreise nach Bangkok an. Inzwischen wissen wir, dass die grosszuegige Angabe von acht Stunden Fahrt allerhoechstens als untere Grenze der reinen Fahrtzeit zu verstehen sind und stellen uns auf gut zwoelf Stunden im Bus ein. Davon brauchen wir allein acht Stunden fuer die ersten 150 Kilometer in Kambodscha. Teilweise koennten wir den Bus zu Fuss ueberholen, der sich gleichwohl unverdrossen von Schlagloch zu Schlagloch kaempft. Die ersten Kilometer Teerstrasse in Thailand fuehlen sich fast unwirklich ruhig an und die restlichen 300 Kilometer nach Bangkok vergehen wie im Flug. Wir feiern unsere Rueckkehr mit einem herrlichen Thai-Curry am Abend.

Angkor Wat beim Sonnenaufgang


Hier geht es weiter nach Sued Thailand, hier zurueck zu den Tagebuchseiten.


            Stand: 30. Maerz 2004