Kalifornien (28. März - 10. April)

28.-30. März: Santa Barbara Zum Glück empfing uns nach drei Wochen bei mindestens 25 Grad ein wunderbar warmer Frühlingstag am Flughafen in Los Angeles. Unerwartet schnell passierten wir die Schlangen der amerikanischen Einwanderungsbehörden und befanden uns bald in unserem Mietwagen im Straßengewirr der amerikanischen Metropole. Erstes Ziel war Santa Barbara, rund zwei Stunden Autofahrt nördlich von Los Angeles, wo wir uns bei unserem Freund Alex Holleitner einquartieren durften. Alex, der gerade sein zweites Postdoc-Jahr an der dortigen University of California beginnt, ist zum Glück reiseerfahren und nahm es mit heiterer Gelassenheit hin, dass wir nicht nur seine Waschmaschine und seinen Laptop besetzten, sondern auch noch sein Zimmer durch ein gründliches Umpacken unserer Rucksäcke (Taucherbrillen und Badehosen nach unten, Wanderschuhe und Pullover nach oben) zwischenzeitlich in ein heilloses Chaos verwandelten. Danke Alex! Insbesondere auch für eine wunderbare Wanderung am Strand, wo wir die ersten Surfer und einen grandiosen Sonnenuntergang bestaunen konnten, für Karten zu einem mitreißenden Jazzkonzert an der Universität, für Speis und Trank sowie jede Menge Tipps für unsere drei Wochen in Amerikas Südwesten. Zudem konnten wir mit Florian Meier einen weiteren Postdoc als alten Bekannten wieder begrüßen und die uns kaum noch vertraute Laborluft wieder schnuppern.

Doppelte Ladung, wir sind in der Wüste

31. März - 1. April: Joshua Tree National Park Gestärkt und mit vielen guten Ratschlägen versehen brachen wir wieder Richtung Süden auf. Ziel einer langen Tagesfahrt, die wir mit reichlich Abstechern auf der historischen Route 66 würzten, war das Städtchen Twentynine Palms, dem wichtigsten Eingang in den Joshua Tree Nationalpark in der kalifornischen Wüste. Noch am Abend unternehmen wir eine erste Erkundungsfahrt zu den merkwürdigen Pflanzen, die trotz ihres stacheligen Aussehen keine Kakteen, sondern Verwandte der Yucca-Palmen sind. Am nächsten Morgen wird uns die ganze Pracht erst vor Augen geführt: Die Wüste lebt! Die wenigen Tropfen Regen der letzten Monate reichten aus, um zahllose kleine und große Wüstenpflanzen zur Blüte zu treiben und so sind Ebene und Hügel übersät mit gelben, roten, blauen und violetten Punkten. Wir klettern begeistert zwischen den gewaltigen Felsbrocken herum und ersteigen bei angenehm warmen Temperaturen auch einen der Hügel, von dem aus wir den halben Nationalpark überblicken können. Der offizielle Aussichtspunkt mit geteerter Zufahrtsstraße ist dagegen enttäuschend: Der Smog der vielen Millionen Autos in Los Angeles und Umgebung sorgt für trübe Verhältnisse auch hier im Hinterland der Küste. Am frühen Abend machen wir uns auf den Rückweg Richtung Los Angeles, wo wir bei tiefer Dunkelheit noch ein Motel finden.

2.-4. April: Los Angeles Am Freitag stand zunächst einer der Klassiker der amerikanischen Freizeitparks auf dem Programm: Die Universal Studios bieten neben den üblichen Achterbahnen und 3D-Kinos auch eine Tour durch die Kulissen und Drehorte zahlreicher Spielorte und Serien. Allen Wasserfesten sei insbesondere die Fahrt durch den "echten" Jurassic Park empfohlen. Am nächsten Morgen trafen wir Alex und seine Verlobte Debbie wieder, die mittlerweile für die Osterferien aus München zu Besuch gekommen war. Während die beiden sich nach einem Hochzeitsanzug Für Alex umsahen, statteten wir zunächst der neuen Walt Disney Concert Hall des Stararchitekten Frank Gehry einen Besuch ab, die erst im Oktober 2003 eingeweiht worden war. Zum Glück konnten wir uns gerade noch rechtzeitig von den spielerisch geschwungenen Wänden und deren gleißenden Reflexen im Sonnenlicht losreißen, um das Abschleppen unseres Autos zu verhindern. Merke: Je 15 Fuß links und rechts eines Hydranten herrscht in Amerika strengstes Halteverbot! Zum Glück bemerkte der Officer unsere aufrichtige Verblüffung und kassierte das Ticket mit einem grimmigen Seufzen wieder ein. Dadurch reichte unser Tagesbudget noch für den Besuch des Getty-Museums, das entrückt von der schnöden Anfahrt mit dem Auto auf einem Hügel über der Stadt liegt, und mit seinen Gärten und hellen, leichten Türmen selbst ein Kunstwerk darstellt, das ebenbürtig neben die umfassende Sammlung europäischer Kunst von der Antike zur Moderne tritt.
Nach einem gemütlichen Sonntagsfrühstück stand noch ein besonderes Stadtviertel auf unserer Wunschliste: Hollywood. Wer allerdings auf Glanz und Glimmer hofft, wird hier enttäuscht: Das alte Chinese Mann Theatre ist ein ganz nettes, wenngleich außerordentlich aufwändig verkleidetes Kino, dessen Auffahrt mit den berühmten in Beton gegossenen Hand- und Fußabdrücken der Stars an einen, allerdings hoffnungslos überlaufenen Hinterhof erinnert. Das Kodak Theater, in dem seit einigen Jahren die Oscars verliehen werden, lockt die Touristen mit diversen Fastfood-Buden und die Namen auf den Sternen des berühmten "Walk of Fame" weisen meist auf längst vergessene, denn wirkliche Stars hin. Amüsant sind nur die Ansammlung der als Superhelden und Schurken verkleideten Entertainer, die für ein paar Dollar mit den Touristen auf Photos posieren, sowie die Straßenkarten, auf denen die Wohnhäuser der Stars, eingezeichnet sind. Viel interessanter als Hollywood fanden wir unsere Fahrt hinunter zum Meer auf dem Sunset Boulevard , dessen anliegende Villen die Palazzi von München-Grünwald doch eher erbleichen lassen.

5.-6. April: Highway Number 1 Zurück in Santa Barbara durften wir am Montag Nachmittag noch unser Hochzeitsgeschenk von Alex und Debbie einlösen: Walbeobachtung vor der Küste! Hier im kalten nährstoffreichen Strom verlaufen die Wanderrouten vieler großer Wale. Und tatsächlich: Nach nur zwanzig Minuten auf See schrie der Kapitän: "Whaaahaaale, there she blows!" Direkt vor uns war ein großer Grauwal aufgetaucht. Die nächsten zwei Stunden begleiteten wir diesen und vermutlich noch zwei weitere Wale ein kleines Stück auf ihrem langen Weg zum Sommerquartier in der Beringsee und konnten die mächtigen, mit Warzen übersäten Rücken und die großen Schwanzflossen bewundern. Nach diesem Erfolg feierten wir Abschied von Alex und Debbie im Restaurant "Moby Dick" am Pier von Santa Barbara.
Ganz früh am nächsten Morgen brachen wir auf: Uns stand eine lange, doch traumhaft schöne Fahrt entlang des Highway Nummer 1 nach Norden bevor. Die Sonne lachte, die Küste war bunt getupft durch die Farben der Frühlingsblumen und an den Stränden lagen noch die jungen Seeelephanten. Ein Abstecher führte uns nach Hearst Castle, einem größenwahnsinnigen Palast aus einem Potpourri europäischer Stilrichtungen, dass der amerikanische Milliardär Anfang des 20. Jahrhunderts auf einem Hügel über der Küste errichten ließ. Ähnlich wie Neuschwanstein hat es sich mittlerweile zu einem sehr begehrten Touristenziel entwickelt und, ganz ehrlich, allein der gigantische Pool ist einen Besuch wert.

Walt Disney Concert Hall

7./8. Februar: San Francisco Nach einer kurzen Zwischenstation im historischen Hafenstädtchen Monterey erreichen wir am frühen Nachmittag San Francisco. Es ist kühl, aber sonnig und so unternehmen wir zunächst einen Abstecher zu einer der berühmtesten Brücken der Welt: Die gigantischen Ausmaße der Golden Gate Bridge werden uns erst bewusst, als wir nach einer viertelstündigen Wanderung in der Mitte der Brücke angekommen sind und unter uns ein gewaltiger Tanker immer stärker zu schrumpfen scheint, je näher er der Brücke kommt. Jetzt heißt es, den Kampf mit dem Straßengewirr San Franciscos aufnehmen. Wie die meisten amerikanischen Städte ist auch San Francisco einfach und orthogonal aufgebaut, doch die über das Stadtgebiet verteilten Hügel erfordern einen guten inneren Kompass. Sehr viel einfacher ist es, eine der berüchtigten Kabelbahnen zu besteigen und sich von einer Attraktion zur nächsten über die Berge ziehen zu lassen. Da die Bahnen ziemlich bummeln, bleibt noch genug Zeit, die meist wunderschön restaurierten Häuser aus der Zeit des Jugendstils im Vorbeiziehen zu bewundern: Für gewöhnliche Menschen ist die enge Halbinsel, auf der San Francisco liegt, längst unerschwinglich geworden; sie wohnen im Großraum der ganzen Bucht, der "bay area". Dennoch besitzt die Stadt noch sehr viel Lebensqualität und Straßen mit einzigartigen Flair, allen voran natürlich das quirlige Chinatown. Wie viel Glück wir mit dem Wetter hatten, zeigt sich am nächsten Morgen, als wir von einem Aussichtspunkt aus die großen Brücken der Bucht nur noch mit Mühe erkennen können: Der Nebel ist so dicht, dass wir bei der Fahrt über die Golden Gate Bridge die Spitzen der tragenden Pfeiler rund 150 Meter über der Fahrbahn nicht mehr zu erkennen sind. Das ändert sich schlagartig nur wenige Meilen nach Norden in Muir Woods, wo Reste der einst dichten Wälder kalifornischer "Redwoods" zu bewundern sind, mit bis zu 130 Metern die höchsten Bäume der Welt. Bevor sich bei uns Nackenstarre einstellte, machten wir uns am späten Nachmittag durch viele Staus auf den Weg zum Yosemite Park.

Am Highway Number 1

9. April: Yosemite Nach einer kurzen Nacht im herrlich angestaubten Hotel "Charlotte" fuhren wir in aller Herrgottsfrühe durch eine zunehmend dramatischere Landschaft. Die Schilder am Wegrand zählten unsere Höhe hoch: 2000 Fuß, 3000 Fuß, 4000 Fuß, 5000 Fuß,... Dann öffnet sich plötzlich die Felsenwelt des Yosemite Tals vor uns: Die Steilwand des El Capitan, die jeweils gut 500 Meter hohen oberen und unteren Yosemite Wasserfälle, die Kuppen des Half und North Domes. Wir haben Glück, denn der April ist noch Nebensaison und so können wir die Gebirgslandschaft noch vergleichsweise autofrei genießen: Im Sommer stauen sich trotz zweispuriger Zugangsstraßen die Wohnwagen, Pickups und SUVs durch das Tal, dennoch wird es wohl noch einige Zeit dauern, bis das lang geplante Fahrverbot umgesetzt wird. Auch wir entkommen den Busladungen voller Touristen erst, als wir zu einer der halbtägigen Wanderungen aufbrechen. Von oben betrachtet erschließt sich erst die ganze Schönheit dieses Tals zumal die vielen Autos dann klein und harmlos erscheinen. Wir bleiben unserem Rhythmus treu und fahren abends noch die lange Strecke bis nach Fresno, um uns dort nach Einbruch der Dunkelheit in einem der vielen gleich langweiligen Motels ein Zimmer zu suchen.

10. April: Sequoia Ein langer Tag stand uns bevor: Nach frühem Aufbruch sind wir gegen halb zehn Uhr mit die ersten Besucher im Sequoia Nationalpark. Wir sind jetzt auf über 2000 Metern Höhe, in einigen Ecken liegt noch Schnee, und wir sind sehr dankbar für unsere dicken Pullover. Dick verpackt treten wir einigen der ältesten Lebewesen der Welt gegenüber: Die Kauris in Neuseeland mögen dicker sein, die Redwoods an der Küste höher, aber kein Baum auf der Welt hat mehr Volumen als die riesigen Sequoias. Der größte von ihnen, der "General Sherman Tree", ist 84 Meter hoch, besitzt einen Umfang von 31 Metern und ein Volumen von 1500 Kubikmetern Holz. Er ist mit etwas über 2000 Jahren noch fast jugendlich und wächst jedes Jahr um das Volumen einer voll ausgewachsenen Eiche.

Golden Gate Bridge

Man liest diese Zahlen, aber man versteht sie nicht. Wir haben sie erst verstanden, als wir einen Wanderweg abseits des Trubels um die größten der Bäume machten und plötzlich in einem Waldstück standen, in dem nur Sequoias standen. Durch die Riesen in der Umgebung verliert man den Bezugspunkt für die eigene Größe und ist geschrumpft wie ein Gulliver in Brobdingnag: Jetzt sollte bloß keine riesige Katze um die Ecke biegen! Mit jedem Schritt aus dem Wald der Riesen wächst neben dem Körper auch das Selbstbewusstsein wieder. Noch rasch einen Abstecher zum Moro Rock, einem Felsvorsprung, der einen unvergleichbaren Blick auf die Bergkette der Great Western Divide zulässt, einem Ausläufer der Rocky Mountains mit einigen über 4000 Meter hohen Bergen. Am frühen Nachmittag beginnt die lange Fahrt hinab in die kalifornische Ebene, südlich durch die Mojave-Wüste an der Bergkette vorbei und auf ihrer Ostseite wieder nach Norden bis kurz vor die Einfahrt zum Tal des Todes.


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            Stand: 8. Mai 2004